Material – Text – Poster
TEILUNG am FLUSS
Text von Birgit Müller-Wieland
AGONIE
Noch ist der Himmel grau - und ruhig. Da vorne liegt die Stadt. Etwas blinkt über den Dächern.
Sterne. Es sind nur Sterne.
Ich ziehe den Kragen meiner Jacke bis zum Kinn hoch. Ich fröstle, wie alle nach den eineinhalb Stun-den Fahrt durchs dämmrige Innviertel. Aber gleich bin ich, wie jeden Morgen, am Ziel. Gleich werde ich mit den anderen Arbeiterinnen durchs Tor der Hermann-Göring-Werke gehen.
„Frieda, steh auf“, sagte die Mutter zu Hause.
Ich habe geglaubt, sie weckt mich für die Arbeit, wie jeden Tag. „Der Franz“, flüsterte sie mir ins Ohr. „Der Franz ist wieder da.“ Mein kleiner Bruder, den sie ein-gezogen hatten vor einigen Wochen. Ein Kind. Und wie der gejubelt hat. Jetzt sitzt er in der Küche und
versteht die Welt nicht mehr. Als er aufwachte in der Kaserne gestern, war niemand mehr da. Sie sind einfach alle nach Hause gegangen, nachdem die Oberen abgehaun sind - Allen voran Gauleiter Eigruber und dieser Kaltenbrunner......Franz ist über die Uniformen gestiegen, die am Boden herumlagen. Beim Erzählen ballte er die Fäuste in der Hose.
„Schau nicht hin“, sagt eine Arbeiterin neben mir. Aber ich hab sie schon gesehen. Sie arbeiten in einer anderen Halle, abgeschirmt von uns. Man kann sich gar nicht vorstellen, daß diese Leute alle Verbrecher sind.
Als ich wieder aufschaue, sehe ich die Flak mit den vier Männern auf uns zufahren, ein Älterer und drei Junge. Ich weiß nicht, daß soeben 180 Bomber über die Alpen fliegen, von Italien kommend, aus Foggia. Die Bomber sollen die Hermann-Göring-Werke zerstören, und die vier sollen das verhindern.
Der eine da, er schaut mich so an...Über seinem Kopf, blinkt da was? Vielleicht sind es auch seine Augen. Sie zwingen mich so - so zurückzuschauen. Und sicher bin ich jetzt rot, das sieht er hoffentlich nicht. Und jetzt passiert mir ein Lächeln....Was macht er? Er lächelt zurück und beugt sich vor. Fragt, ob ich einige Brotmarken habe. Sein Kommandant tut, als sehe und höre er nichts. Er hat ein Gesicht wie einer, der schon im 1. Weltkrieg dabei war...
Der Vater -, wie der wohl aussehen wird, wenn er heimkommt? „Ja,“ sage ich, „ich habe Brotmarken“.
„Ich könnte sie gegen Strümpfe tauschen“, schlägt der Junge vor. Ich habe die Marken im Werk drinnen, im Spind. Wir vereinbaren einen Treffpunkt, nach der Arbeit, abends. Das Herz in meiner Brust führt sich auf wie ein wildgewordener Motor.
Letztes Gefecht
Szene ohne Text.
Plakatdrucke für die Linzer Altstadt bei den Drehs.
Ausgangssperre
Plötzlich heißt es: Die Amerikaner kommen. Über die Nibelungenbrücke. Plötzlich ist überall so eine Aufregung. Mir ist schlecht. Was wird jetzt werden? Ich bleibe, wo ich bin. Ich mache weiter. Ich steh an der Drehbank, wie jeden Tag. Ich drehe meine Schrauben. Der Angriff - , das reicht mir für den heutigen Tag. Mir ist schwindlig. Jetzt ist es also - Jetzt kommen die Amerikaner.
(Abends: )
Ohne Uniform sieht er jünger aus. „Da haben wir aber noch Glück gehabt, was?“grinst er. „Ja“, sage ich verlegen, „das war ein Tag. “ Ludwig sieht sich um.
(Plötzlich bemerke ich an der Art, wie er die Umgebung prüft, wie sehr wir trainiert sind auf Gefahren, die um die Ecke biegen oder aus der Luft kommen können - jederzeit.) „Unser Kommandant hat gesagt, wir sollen die Uniformen verschwinden lassen. Und abhaun. Komm“, sagt Ludwig, „wir müssen weg von der Straße, sofort.“
(Der Jeep nähert sich:) Mein erster Impuls: Weg. Weglaufen! Ludwig nimmt mich an der Hand: ein etwas feuchter, fester Griff. Der Mann sagt: „Steigts ein, ihr zwei, los, sonst wirds brenzlig“. Ludwig hat eine etwas rauhe Stimme, als er fragt:“Wer sind Sie denn?“ Der Mann lächelt: „Ich bin der Ernst Koref, der neue Bürgermeister von Linz. Wollts meine Urkunde sehen?“
Wir fuhren dann mit unserem neuen Bürgermeister zur Druckerei. Ludwig ließ auch unterwegs meine Hand nicht mehr los und drückte sie so fest, daß es weh tat. Bei der Druckerei war Hochbetrieb. Die neuen Verordnungen! Ludwig blieb gleich da, als Bote. Und zu mir sagte der Bürgermeister: „Schlafen Sie sich aus daheim und kommen`s morgen ins Rathaus. Da gibt es viel zu tun.“ Ich bin aber an diesem Tag nicht mehr heim gekommen. Ludwig und ich blieben in der Druckerei. Wo hätten wir denn hinsollen?
Ich habe gehofft, daß die Mutter sich nicht allzu sorgt. Der Franz und sie werden staunen:
Von einem Tag zum anderen ist aus der Eferdinger Rüstungsarbeiterin Frieda H. die Assistentin vom Linzer Bürgermeister geworden.
Mauaufmarsch und Prozession
Ludwig sagt, daß die Kommunisten endlich mit den Nazis abrechnen werden. Daß jetzt alles anders wird.
„Das Volk,“ sagt er, „das Volk wird jetzt endlich bestimmen.“
„So wie in der Sowjetunion?“ frage ich, aber er bemerkt nicht meinen Unterton. „Ja, so wie in der Sowjetunion,“ antwortet er.
Aufschriften für die Linzer Altstadt, Urfahr und den Motorschlepper Traisen.
Verbrüderung
Von einem Tag zum anderen liest man: Aufhebung des Verbrüderungs-Verbots zwischen den Amis und uns.
In der Sowjetzone war das ja nie so streng zwischen den Soldaten und der Bevölkerung. Aber jetzt scheinen sie sich alle geradezu um uns zu reißen: Als wollen uns die Sowjets auf die eine und die Amis auf die andere, ihre Seite, ziehen.
„Land der Erbsen, Land der Bohnen, Land der vier alliierten Zonen, wir verkaufen dich im Schleich, vielgeliebtes Österreich.“ Da lacht Ludwig noch mit mir, wenn ich ihm das vorsinge.
Aber wenn ich sage, daß ich heute wieder eine Einladung bei „den Amis“ habe, dann versteht er keinen Spaß. Er will, daß ich mitgehe zum Volksabend, zu seinen neuen Freunden. Wodka trinken, bis alle unterm Tisch liegen.
Du mußt auch was essen, sagt John und bringt mir Sachen, bei denen ich halb ohnmächtig werde vor Glück. Nicht schlingen, nicht schlingen! denk ich mir. Die ganze Welt dreht sich. John, John. Wohin wird das gehen? Ludwig. Ach, heut ist mir ist alles egal.
Heut tanze ich. Heut lebe ich!
Ottillinger
Eines Tages nimmt mich der Herr Bürgermeister beiseite und meint, er habe da einen schönen Posten in Aussicht für mich. Im Ministerium für Vermögenssicherung und Wirtschaftsplanung! Ich solle mir das gar nicht überlegen, sondern gleich Ja sagen. Denn so einen Posten wirds so schnell nicht mehr geben. Und so bin ich zur Frau Ottillinger gekommen, als Sekretärin. Sie war noch nicht einmal dreißig und schon Chefin der Planungssektion: Eine Respektsperson, alle haben zu ihr aufgeschaut. Ich glaube, auch der Minister Krauland, ihr direkter Vorgesetzter, hat sich ein bißchen - Das war nur ihr Auftreten, das hat schon genügt.
Am Tag, als das Schreckliche passierte, waren wir auf der Heimreise, von der amerikanischen Zone zurück nach Wien. An der Zonengrenze bei der Ennsbrücke sind wir, wie alle, gestoppt worden. Der russische Soldat hat unsere Identitätskarten geprüft - eine besonders lange. Innerhalb von Sekunden schien die Temperatur abzufallen - ich fröstelte. Vielleicht waren es aber auch die eisigen Fingerspitzen der Frau Ottillinger, die mich streiften: Sie hat gesehen, es war ihr Ausweis. Niemand rührte sich, niemand atmete, nur das Papier in den Händen des Sowjets machte beim Umblättern ein schlurfendes Geräusch. Jeder hat gewußt, daß immer wieder Menschen verschwinden: genau hier. Aber dann hat der Soldat die Tür zugemacht, der Wagen begann zu rollen. Es war eine Stille Wir glaubten, wir hätten es geschafft.
Wir wurden getrennt verhört, alle drei. Nach einigen Fragen brachten sie mich wieder zum Wagen zurück, wo auch der Herr Krauland schon wartete. Einer der Sowjets entschuldigte sich bei ihm. Der Herr Minister schüttelte eine Hand, lächelte und deutete mir mit den Augen: Steigen Sie ein, sofort. Die ersten Kilometer hörte man nur das Summen des Motors. Und dann habe ich es gesehen: das zusammengeknüllte Taschentuch der Frau Ottillinger. Es lag zwischen uns, und ich habe es glatt gestrichen, zusammengefaltet und in meine Tasche gelegt.
Damals glaubte ich nicht, daß das Taschentuch jemals wieder in die Hände seiner Besitzerin gelangen würde. Margarethe Ottillinger verschwand einfach, wie so viele. Niemand erfuhr, daß sie wegen Spionage zum Tode verurteilt und später, in der Sowjetunion, zu 25 Jahren Zwangsarbeit begnadigt wurde. Begnadigt! Zusatz: „Zu jeder Arbeit einsetz-bar, auch wenn sie das Leben kostet“.
Aufnäher und Aufkleber für Uniformen, KFZ und Telefonzelle – Plakate im öffentlichen Raum Urfahrs.
Luftbrücke
Ich schau über die Donau. Das ist kein Fluß mehr. Eine graue Wunde, das ist die Donau geworden.
„Eiserne Grenze“ heißt sie schon. Sie machen die Zonengrenze dicht, und Ludwig strahlt: „Jetzt wird alles noch besser!“ Mein Kopf zerspringt. Auf der einen Seite geht man ins Haus hinein in dem einen System und auf der anderen Seite kommt man heraus im anderen. Man kann doch keine Stadt in der Mitte durchschneiden!
Hab wieder mit Franz gestritten, mit der Mutter. Quer durch alle Familien, die ich kenne, geht der Riß. Man-che jubeln, die anderen fürchten sich. Dazwischen stehen diejenigen, die die Achseln zucken: „Wir haben alles Mögliche überlebt. Den Kaiser, die Parteien, den Führer. Die Kriege sowieso. Warum also nicht auch den Sozialismus?“"
Und es stimmt schon: uns in der Westzone geht es schlechter als denen im Osten. Hat Ludwig vielleicht doch recht? Aber wie weit wird das gehen: Das Zer-stückeln von Österreich? John ist verzweifelt. „Wir machen zu viele Fehler, der Marshallplan funktioniert nicht, wir treiben die Leute in Stalins Arme“.
Zu wem gehöre ich?
Zu Hause liegt das Taschentuch der Frau Ottillinger in der Nachttischlade. Es ist gewaschen und gestärkt. Wenn ich drüberstreiche, spüre ich seine Härte.
Tafeln zur Stadtveränderung in Urfahr – Grafik Eric Pratter
TEXT
the english translation by Barbara Földesi
Former Webpage: Teilung am Fluss
Plakate
Historisches Bildmaterial
Kontrollstelle der Sowjets an der Nibelungenbrücke, Courtesy Linzer Stadtarchiv
Originalbild von Erik Bulatov, Krasskow Straße
Historisches Bildmaterial
Linzer Stadtarchiv
Dramaturgische Bilder
Hugo Portisch, Sepp Riff, Österreich II
Dramaturgisches Material
Hugo Portisch, Sepp Riff, Österreich II